AUSSTELLUNG

Wolkenkuckucksburg – Was wäre die Stadt ohne die Universität?

Was veranlasst uns, über Alternativen des Vorhandenen nachzudenken? Wie kann das, was bereits ist, ignoriert und durch etwas Anderes ersetzt werden und ist dies überhaupt möglich? Diese zentralen Fragen haben wir uns für die Ausstellung: „Wolkenkuckucksburg – Was wäre die Stadt ohne die Universität?“ gestellt. Neben Neuentwürfen eines fiktionalen Oldenburgs, nähern wir uns zugleich den realen Bereichen der Stadt an, die durch die Carl von Ossietzky Universität beeinflusst werden.

Im Oktober 2013 hatten manche der zwölf Projektmitglieder gerade einmal ihre Wohnungen frisch bezogen und Oldenburg nur auf der Landkarte kennengelernt. Andere wiederum waren da schon ortskundiger, kannten die Stadt, die Universität und deren ungefähres Verhältnis zueinander. Entsprechend unterschiedlich wurden Vorwissen und persönliche Eignung für das Thema eingeschätzt. Jedenfalls wurde uns allen zu Beginn des Studiums das städtisch geförderte Projekt anvertraut, welches uns die nächsten 15 Monate begleiten sollte. Im Rahmen des 40-jährigen Bestehens der Universität sollte eine Ausstellung konzipiert werden, die zugleich das Jubiläumsjahr abrundet. Die Fragestellung, was Oldenburg ohne Universität wäre, geriet für die Projektgruppe zur erkenntnisleitenden Frage, zur Ausgangsfrage, zur tagtäglichen Frage, zur hypothetischen, zur heißen Frage. Kurz: Sie ließ uns nicht mehr los. Dem Altbekannten ‚Wer bin ich und was mache ich eigentlich hier?’ gesellte sich fortan die Überlegung dazu, was die Stadt ohne Universität wäre.

Die Suche nach einem Titel für unsere Gedankenexperimente endete bei Wolkenkuckucksburg. In Anlehnung an die Wortschöpfung Wolkenkuckucksheim greifen wir dessen heutige Konnotationen wie etwa die des Luftschlosses auf. Unsere Ausstellung versteht sich in diesem Sinne durchaus als Medium für fragmentarische Neuentwürfe eines fiktionalen Oldenburgs – eben einer Wolkenkuckucksburg. Wie sehr diese Neuentwürfe jedoch in den Wolken schweben bzw. Luftschlösser sind, variiert. Dabei muss klar sein, dass solche Antworten subjektiv gekennzeichnet sind. Anstatt also Wolkenkuckucksburg als die Antwort schlechthin zu liefern, wollen wir vielmehr mögliche Lesarten zur Beantwortung der Leitfrage anbieten. Wolkenkuckucksburg verstehen wir als Stadt ohne Universität. Wir nennen das unsere „Wäre-Zustände“. In diesen Szenarien hängt die Stadt Oldenburg sozusagen in den Wolken, weil sie in einen mehr oder weniger veränderten Zustand versetzt wird. Weil wir jedoch davon ausgehen, dass eine Fiktion nicht losgelöst von jeglicher Realität gedacht werden kann, liegt jedem „Wäre“- auch ein „Ist-Zustand“ zugrunde. Der „Ist-Zustand“ ist unser Ausgangspunkt für verschiedene Alternativen und geht gleichzeitig auf die existierende Beziehung von Stadt und Universität ein. Historische Begebenheiten also in ihrem Verlauf zu beschreiben, diese jedoch auch durch potentielle, wenn auch phantasievolle Alternativen zu flankieren, macht den Kern unseres Projektvorgehens aus. Daher wird oftmals demonstriert, was nicht da wäre und damit von besonderer Bedeutung für Oldenburg war, ist und sein wird, jedoch auch, was anstelle einer Universität existieren könnte.

Wie sind wir zu diesen Überlegungen gelangt? Wir haben uns zunächst gefragt, was wir mit unserer Ausstellung wollen. Da das Thema bereits die Stadt und die Universität als Protagonistinnen festschreibt, ist es unser Anspruch, einem offenen und förderlichen Dialog zwischen Wissenschaft und Bürger_innen gerecht zu werden. Wir widmen uns deshalb den vielgestaltigen Einflüssen, um uns dem Geflecht zwischen Stadt und Universität anzunähern. Diese Motivation stellt uns zugleich vor die Frage, was überhaupt ein universitärer Einfluss ist. Eine Klärung darüber ist nicht eindeutig gegeben. Denn nur selten – so unsere Beobachtung – kann ein universitärer Einfluss losgelöst von weiteren Faktoren betrachtet werden. Ist etwa ein Zuwachs von Kneipen oder Bio-Lebensmittelläden in Oldenburg allein der Existenz einer Hochschule geschuldet? Weiterhin muss sich die Umsetzung der Ausstellung an der Ausgangsfrage, was die Stadt ohne die Universität wäre, orientieren. Das heißt insgesamt: Wie bringen wir diese Aspekte in einer Ausstellung zusammen? Zunächst ist festzuhalten, dass es keine fiktionalen Objekte gibt. Da wir außerdem auf keine Sammlung zurückgreifen konnten, bot sich eine themenorientierte Herangehensweise an. Wir versuchten also in einem weiteren Schritt relevante Bereiche zu erarbeiten, von denen wir denken, dass sie den Einfluss der Hochschule wiedergeben. Daraus gehen vier Schwerpunkte hervor, die die Basis für eine jeweilige Darstellung von „Ist“- und „Wäre-Zustand“ Oldenburgs bilden: Universitätsjubiläum, Wirtschaft, Erinnerungskultur und Leben und Wohnen. Der Überlegung, was die Stadt ohne Universität wäre, steht die Frage der historischen Entwicklung der Carl von Ossietzky Universität entgegen. Deren Entstehung und Wandel zu beschreiben, stellt demzufolge den Ausgangspunkt unserer Vorgehensweise dar – und fungiert als solcher auch in unserer Ausstellung. In diesem einleitenden Bereich erhalten die Besucher_innen einen Überblick über die Geschichte der Universität Oldenburg. Anhand von 40 Fakten und vier Inszenierungen werden die bedeutendsten Momente der Universitätsgeschichte bildhaft dargestellt. Er verweist somit auf die vier folgenden Themenschwerpunkte und leitet über in das Universitätsjubiläum als ersten thematischen Bereich. Darin wird dem 40-jährigen Universitätsjubiläum das  222-jährige Jubiläum der Pädagogischen Hochschule gegenübergestellt. Wie anders würde Oldenburg ohne Universität aber mit Pädagogischer Hochschule aussehen? Darauffolgend wird die Universität als Wirtschaftsfaktor der Stadt betrachtet. Für unseren Entwurf eines fiktionalen Oldenburgs ist jedoch ein anderer Faktor – bisher kulturell und kulinarisch bedeutsam – maßgeblich für ökonomisches Wachstum: Der Grünkohl. Ausgehend von der aktuellen Debatte um einige Oldenburger Straßennamen wird anschließend versucht herauszufinden, welche Rolle die Universität in der Erinnerungskultur einer Stadt spielt und wie das Erinnern ohne sie aussehen könnte. Im letzten Teil werden 40 Jahre Universitätsjubiläum mit 40 Jahren studentischem Wohnen zusammengebracht. Im „Wäre-Zustand“ hingegen werden materielle Wünsche für ein Leben in Oldenburg ohne Universität geäußert. Einen zusätzlichen Teil der Vorstellungen von Wolkenkuckucksburg macht ein Kunstprojekt einer 12. Klasse aus. Dieses wurde in Zusammenarbeit mit der Oldenburger Helene-Lange-Gesamtschule realisiert und in die Ausstellung integriert.

War unsere Ausstellungskonzeption zunächst themenorientiert, so wurde schnell offenbar, dass für die Ausformung der Themenschwerpunkte Objekte unerlässlich wurden. Für die Ausstellung ausgewählt, kommen ihnen dokumentarische und illustrative Funktionen zu. Als Argumente verschiedener Antworten bedürfen die Objekte entsprechender Präsentationsformen. Diese werden inhaltlich und räumlich dadurch strukturiert, dass sie – anschließend an die Universitätsgeschichte – in vier Bereiche mit jeweiligem „Ist“- und „Wäre-Zustand“ gegliedert sind. Damit haben wir eine Ausstellung konzipiert, die dazu anregt, sich im Hin und Her des Fiktionalen und Realen dem Beziehungsgeflecht zwischen Stadt und Universität annähern und dessen Ausprägungen verhandeln zu können.